Berliner ImpulsE

Interview mit Dr. Thomas Engelke, September 2017

„Faktor Mensch“ ist ein vielfältiges Thema­, das auch den Verbraucher einschließt, der sich aktuell, zumindest in Teilen, zum Prosumenten wandelt. ­ImpulsE führte ein ausführliches Gespräch mit einem Spitzenvertreter einer mitgliederreichen Querschnittsorganisation, deren aktive Mitwirkung an der Energiewende unabdingbar ist: Dr. Thomas Engelke leitet beim Bundesverband Verbraucherzentrale (vzbv) den Bereich Energie und Bauen.

Interview: Jürgen Pöschk


Pöschk: Herr Engelke, lassen Sie uns über den Faktor Mensch in der Energiewende, also ein sehr facettenreiches Thema sprechen. Als Einstieg: Ist denn das Energiethema gerade in Zeiten gesunkener Energiepreise noch ein großes Verbraucherthema?

Thomas Engelke: Absolut! Das Thema ist nach wie vor ein großes Verbraucherthema! Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich der Strompreis seit 2000 verdoppelt hat, wohingegen die allgemeinen Verbraucherpreise um nur 28 Prozent gestiegen sind. Im Gasbereich sind die die Preise in den letzten Jahren dagegen gesunken.

Die Energiewende als großes, auch generationenübergreifendes Projekt ist ja in ihrem Gelingen sehr stark von der Akzeptanz und Mitwirkung breiter Bevölkerungsschichten abhängig. Wir erleben seit Jahren intensive Diskussionen, vor allem auch um Kostenfragen der Energiewende. Sind die Kosten aus Ihrer Sicht fair verteilt oder sind in der Mechanik grundsätzliche Disparitäten festzustellen?

Zunächst einmal: Wir haben nach wie vor eine hohe Akzeptanz der Verbraucherinnen und Verbraucher zur Energie­wende! Einer vom Verbraucherzentrale Bundesverband aktuell bei YouGov in Auftrag gegebenen Umfrage zufolge halten 82 Prozent der Befragten als Ziele der Energie­wende den Ausstieg aus der Atomenergie und die langfristige Energieversorgung mit erneuerbaren Energien bei weitgehendem Verzicht auf fossile Energien wie Öl und Gas für richtig.

Wird zu den Kosten gefragt, sieht es etwas anders aus. Eine Umfrage von Kantar Emnid im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien in 2017 hat ergeben, dass es 48 Prozent der Befragten richtig finden, dass ein Durchschnittshaushalt mit 20 Euro Zusatzkosten für die Energiewende belastet wird. 37 Prozent fanden das zu viel und 8 Prozent sogar zu wenig, das heißt, eine Mehrheit der Befragten ist bereit, einen Anteil an den Energiewendekosten zu tragen.
Aber wenn wir über die Verteilung der Kosten reden: Die ist nicht fair! Die Verbraucher zahlen anteilig zu viel. Im Kern geht es dabei um Privilegien Anderer, beispielsweise der energieintensiven Industrie, die beim Strompreis von der Zahlung der EEG-Umlage weitgehend befreit ist. Diese Kosten müssen die Verbraucher zusätzlich schultern. Und diese Ausnahmen für die Industrie nehmen weiter zu. Das kann einfach nicht so weiter gehen. Wir brauchen mehr Kostengerechtigkeit und eine grundlegende Änderung der Finanzierung der Energiewendekosten. Hier besteht akuter Handlungsbedarf für die neue ­Bundesregierung.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat dazu konkrete Vorschläge gemacht. So sollte ein Teil des Strompreises – nämlich in Höhe der besonderen Ausgleichsregelung – über den Staatshaushalt finanziert werden. Dadurch kann die Leistungsfähigkeit der Haushalte stärker berücksichtigt werden, da sich zum Beispiel das Einkommenssteueraufkommen an der Leistungsfähigkeit orientiert. Bei einer Teilfinanzierung über den Staatshaushalt wären also niedrige Einkommen weniger belastet. Auch andere Komponenten wie zum Beispiel die Stromsteuer sollten reduziert oder abgeschafft werden. Dadurch würden alle Verbraucher entlastet.

Plädieren Sie auch für die Kostenverschiebung zwischen Energieträgern vom Strom zur Wärme?

Wir haben zur Sektorkopplung noch keine abschließende Position. Aber während Strom mit Abgaben hoch belastet ist, trifft dies für fossile Energien, die überwiegend im Wärme-und Verkehrsbereich Verwendung finden, deutlich weniger zu. Und da wird es Verschiebungen geben müssen, wenn mehr Strom für Wärme und Verkehr eingesetzt werden soll. Wichtig ist an dieser Stelle, dass bei einer zunehmenden Sektorkopplung insbesondere die Heizkosten für die Verbraucher nicht ansteigen dürfen.

Okay, jetzt weg von der Kostenfrage hin zur aktiven Teilhabe an der Energiewende: Ist der Faktor Mensch ausreichend aktiviert? Wie beurteilen Sie die Partizipationsmöglichkeiten im Rahmen der Energiewende aus Verbrauchersicht?

Da gibt es drei Punkte aus meiner Sicht. Zum einen ist wichtig, dass sich die Menschen, die vor Ort wohnen, finanziell beteiligen können, zum Beispiel an einem Windpark. Im Nordwesten Schleswig-­Holsteins funktioniert das zum Beispiel ganz gut. Der zweite – möglicherweise noch wichtigere – Punkt betrifft die Beteiligung von Bürgern am Planungsprozess. Dabei muss die Beteiligung einsetzen, bevor die wichtigen Entscheidungen getroffen werden und nicht danach. Und als Drittes sollten alle technischen Möglichkeiten zur Erhöhung der Leitungskapazität und Energieeffizienz ausgeschöpft werden, um den Zubau neuer Infra­struktur so gering wie möglich zu halten.

Nun kommen wir zur neuen vielfach diskutierten Rolle von Teilen der Verbraucher als sogenannte Prosumenten, also vereinfacht gesprochen der Kopplung von Erzeugung und Verbrauch im eigenen Haus. Sind das Konzepte, die aus Verbraucherschutzsicht auf großer Breite Sinn machen? Oder sind das Spielweisen von Technikfreaks, ökologischen Überzeugungstätern oder sogenannten Lohas?

Ich denke, zunächst einmal stehen am Anfang einer neuen Entwicklung immer Freaks. Ohne die geht es nicht. Aber verstehen Sie dies nicht falsch. Diese Freaks können auch sehr bodenständig sein. Beispielsweise waren die ersten Windbauern Landwirte, die auf ihren entlegenen Höfen kleine Windräder errichtet haben, um ihren eigenen Strom zu erzeugen und damit unabhängig zu sein. Das haben dann vielleicht Nachbarn gesehen, die das kopiert haben usw… Heute gibt es neue Möglichkeiten für Verbraucher, sich als Prosumenten an der Energieerzeugung zu beteiligen und somit auch an den finanziellen Vorteilen der Energiewende teilzuhaben, insbesondere im Solarbereich. Das muss aber für alle Verbraucher gelten, nicht nur für einzelne Gruppen. Hier gibt es noch viel Nachholbedarf.

Kurze, spitz formulierte Anschlussfrage: Ist die Diskussion um Prosumenten nicht letztlich eine, die zu sozialpolitisch problematischen Umverteilungsmechanismen führt? Beispiel: Der vielzitierte Zahnarzt, der als Prosument mit Solarpanelen auf dem Dach und einer Beteiligung am Windpark auftritt, und seine Zahnarzthelferin, die es über die EEG-Umlage zahlt…

Es ist tatsächlich ein Problem, dass die Zuwendungen für diesen selbst genutzten Strom – wie bei den Industrieprivilegien, aber auf einem niedrigeren Kostenniveau – von anderen bezahlt werden müssen. Das ist auch beim Mieterstrom so, obwohl hier endlich auch Mieter finanziell von der Energiewende profitieren können. Umso wichtiger ist es, dass der Strompreis schnellstmöglich gesenkt und zu einem Teil aus dem Staatshaushalt finanziert wird.

Jetzt nochmal zur verbrauchsorientierten Seite des Faktors Mensch: Beim ­Thema Energiesparen ist der vzbv ja seit Jahrzehnten beratend aktiv. Erfolgreich?

Es gibt die Energieberatung der Verbraucherzentralen inzwischen seit fast 40 Jahren und mit aktuell über 800 Beratungsstellen in ganz Deutschland. Das ist das dichteste Netz an Energieberatungsstellen überhaupt. Insgesamt werden jährlich über 100.000 Energieberatungen von den Verbraucherzentralen durchgeführt.

Sind die Beratungsstellen denn ausgelastet?

Die Beratungsstellen werden im Mittel gut frequentiert, in den großen Städten meist besser als im ländlichen Raum. Der Renner sind allerdings unsere Energiechecks. Da kommen Energieberater direkt zu den Verbrauchern nach Hause. Ergänzt wird das Beratungsangebot um Online-Beratung und telefonische Beratung.

Kurzer Schlenker zur Verbraucherinformation vom Kühlschrank bis zur Heizung via Labelling: Ist das für Sie eine durchgängig sinnvolle Struktur von Verbraucherinformation?

Die Kennzeichnung des Energieverbrauchs, die kürzlich gerade vereinfacht und damit verbessert wurde, ist sehr wirkungsvoll, vor allem in Verbindung mit dem Ökodesign. Diese beiden Instrumente zusammen bringen ungefähr 50 Prozent der gesamten Energieersparnis in der EU bis zum Jahr 2020. Nur ein aktuelles Beispiel: Seit dem 1. September dürfen neu verkaufte Staubsauger nur noch 900 Watt pro Stunde verbrauchen – bei gleicher Saugleistung. Vor vier Jahren gab es keine Begrenzung, viele Geräte verbrauchten über 2000 Watt. Die Kennzeichnung in Verbindung mit dem Ökodesign ist eine Erfolgsstory: Die Verbraucher sparen und das Klima profitiert.

Nun ja, wollen wir hoffen, dass dies zum Beispiel auch bei Heizkesseln funktioniert und die Austauschraten hochtreibt... in diesem Kontext ein kurzes Wort zur Förderpolitik des Bundes?

Angesichts der stabil niedrigen Sanierungsquote im Gebäudesektor von unter 1 Prozent sehen wir, dass die jetzigen Fördermittel nicht ausreichen. Deswegen fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband einen Steuerbonus für die energetische Sanierung in Höhe von zusätzlichen 1,5 Milliarden Euro.

Und die Bewusstseinsbildung? ­Brauchen wir nicht einen großen Wurf im Bereich der Energie- und Klimabildung?

Je früher wir unseren Kindern erzählen, wie die Welt wirklich aussieht, desto besser. Denn die jungen Menschen von heute sind die Entscheider von morgen und es ist gut, wenn sie möglichst frühzeitig Bescheid wissen.

Am Bewusstsein anknüpfend: Die öffentliche Debatte ist ja im Moment, nicht nur in den USA, vielfach durch populistische Verflachungen geprägt. Mit welchem Argumentationsstrang muss man eigentlich auf Verbraucher zugehen, um eine sachgerechte Diskussion zur Energiewende sicherzustellen?

Der Klimawandel verschwindet nicht, wenn ich ihn ignoriere oder leugne. Kopf in den Sand stecken hilft nicht. Manche Wahrheiten sind nur schwer auszuhalten, aber wenn mehr Treibhausgase in der Atmosphäre sind, wird es wärmer und wenn es wärmer wird, schmelzen die Gletscher und der Meeresspiegel steigt. Das kann man messen und sehen, das ist Physik. Da hilft letztlich nur Pragmatismus und damit Sachlichkeit sowie entsprechendes Handeln. Das gilt auch im Verbraucherschutz: Nur wenn wir sachlich und unabhängig informieren und beraten, vertrauen uns die Verbraucher.

Anknüpfend an die Fairnessdiskussion: Energiearmut, ist das noch ein Thema aus Verbrauchersicht?

Wir dürfen die Haushalte mit niedrigen Einkommen nicht vergessen, denn sie sind von Energiearmut gefährdet. Betroffen sind insbesondere die Haushalte mit Arbeitslosengeld II oder Hartz-IV-Einkommen, aber auch Rentner, Studenten oder Niedriglohnjobber. Bei steigenden Energiepreisen ­können diese Gruppen Probleme bekommen, ihre Energierechnung zu bezahlen, zumal sie oft in Häusern mit niedrigen Energiestandards wohnen. In Deutschland  waren 2015 rund 360.000 Haushalte von Stromsperren betroffen. So vielfältig die Ursachen für die Energiearmut sind, sie müssen bekämpft werden. Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat dazu vorgeschlagen, dass man das Arbeitslosengeld II systematisch an die Energiepreisentwicklung anpasst, was heute nicht der Fall ist. Zusätzlich müssen Energieeffizienzmaßnahmen gerade auch für diese Haushalte unterstützt werden. Und last but not least müssen Versorger, Behörden und die betroffenen Verbraucher eng miteinander kommunizieren, damit es nicht zu diesen Stromsperren kommt. Niemand soll im Dunkeln sitzen oder im Winter frieren müssen.

Jürgen Pöschk: Herr Engelke, herzlichen Dank für das Gespräch!