Berliner ImpulsE

Interview mit Dr. Patrick Graichen, September 2015

Das Megaprojekt Energiewende in Deutschland ist noch nicht zu Ende gedacht. Viele Fragen auf dem Weg zur Klimaneutralität sind nach wie vor offen. Ein Think Tank, der sich ausschließlich um Fragen der Energiewende kümmert, ist Agora Energiewende in Berlin. Ein Gespräch über strategische Leitplanken einer erfolgreichen Energiewende führte ImpulsE mit dem Direktor Agoras, Dr. Patrick Graichen.

Interview: Jürgen Pöschk


Pöschk: Agora wird ja in der Öffentlichkeit als Denkfabrik mit Fokus auf Fragestellungen der Energiewende wahrgenommen. Welche Interessen stehen eigentlich hinter Agora?

Patrick Graichen: Wir sind – neudeutsch formuliert – ein Think Tank, der sich ausschließlich mit der Frage beschäftigt: „Wie kann die Energiewende ein Erfolg werden?“. Finanziert werden wir von der Stiftung Mercator aus Essen und der European Climate Foundation, die gemeinsam das Interesse haben, dass die Klima- und Energiepolitik in Deutschland ein Erfolg wird. Dies auch, weil die Energiewende im Erfolgsfall auch ein Modell für den globalen Wandel werden kann.

Dann lassen Sie uns vielleicht mit der Energiekostenproblematik einsteigen. Steigende Energiekosten sind oder waren ja eine wesentliche Handlungsmotivation für Akteure im Rahmen der Energiewende. Nun beobachten wir aber aufgrund von Angebotsausweitungen, via Fracking oder bald auch durch Iran, bei gleichzeitiger Nachfragestagnation oder sogar dem Rückgang besonders im asiatischen Raum einen massiven Preisverfall auf den Weltenergiemärkten. Fällt damit nicht die wesentliche Triebkraft der Energiewende aktuell oder gar auf mittlere Sicht weg?

Nein, weil drei Effekte mindestens genauso wichtig sind. Ein erster Effekt ist, dass auch die Erneuerbaren Energien deutlich billiger geworden sind. Trotz des Preisrückgangs bei fossilen Energieträgern kostet Strom aus Wind und Sonne absehbar ähnlich viel wie aus neuen Kohle- oder Gaskraftwerken. Zweitens bilden sich die Energiepreise nicht ausschließlich auf den Weltmärkten. Bei der Frage „Wie finanzieren wir unser Gemeinwesen?“ bieten sich Energiesteuern angesichts sinkender Rohstoffpreise für Öl und Gas sehr an. Insofern glaube ich, dass die Endverbraucher trotz Stagnation oder Rückgangs der Rohstoffpreise nach wie vor mit steigenden Energiekosten zu rechnen haben.

Ich würde also von weiterhin sehr volatilen Preisen bei den fossilen Energien ausgehen. Energieeffizienz und Erneuerbare Energien sind hervorragende Instrumente, um sich gegen solche Risiken abzusichern.

Der dritte und vielleicht wichtigste Faktor, der die Energiewende weiter treiben wird, ist das immer drängender werdende Klimathema. Wir hatten dieses Jahr einen der heißesten Sommer und es steht zu befürchten, dass die Erderwärmung jetzt so richtig zuschlägt. Denn die Meere, die über Jahre einen großen Teil der zusätzlichen Wärme aufgenommen haben, scheinen nun an die Grenze ihrer Aufnahmekapazität gekommen zu sein.

Wenn man die Arbeiten von Agora Revue passieren lässt, stellt man eine sehr starke Konzentration auf den Elektrizitätsbereich fest. Warum eigentlich? Oder anders gefragt: Wo bleibt der Wärmemarkt?

Agora fokussiert auf den Stromsektor, weil wir glauben, dass für die langfristige Dekarbonisierung Deutschlands drei zentrale Stellschrauben Bedeutung besitzen: Erstens zählt dazu der Umbau der Stromversorgung in Richtung Erneuerbare. Zweitens die Steigerung der Energieeffizienz in allen Bereichen und drittens die Elektrifizierung von Wärme- und Verkehrssektor.

Denn nachdem wir den Energieverbrauch im Verkehr- und Wärmesektor durch Effizienzmaßnahmen reduziert haben, werden wir den verbleibenden Bedarf nicht aus erneuerbaren Quellen jenseits des Stroms decken können. Wir kommen bei Biomasse in Deutschland an Nachhaltigkeitsgrenzen und stellen fest, dass wir nicht alle Gebäude mit Holzpellets werden heizen können. Stattdessen werden wir einen Großteil des Restwärmebedarfs mit Strom aus Erneuerbaren decken müssen.

Ist das jetzt eine Langfrist- oder auch schon eine Mittelfristperspektive? Aktuell hat man ja das Gefühl, dass der vermeintliche erneuerbare Überschussstrom perspektivisch schon mehrfach verplant wird: Elektromobilität, Power to Gas, Power to Heat. Aber von der Deckung des normalen Strombedarfs allein durch Erneuerbare sind wir doch noch sehr weit entfernt.

Ich halte das mittelfristig für relevant. Es geht ja darum, die Infrastrukturen baldmöglichst so umzubauen, dass sie über viele Jahrzehnte funktionieren. Bereits heute wäre es falsch, neue Gasleitungen in Neubaugebiete zu legen, denn Gas bietet keine langfristige Perspektive. Und wenn es um Fernwärmenetze geht, muss man immer auch schon jetzt die Frage stellen: Wie kann dieses Netz in 30 Jahren CO2-frei betrieben werden? Wenn man darauf heute keine Antwort findet, dann ist das nicht die richtige Investition.

Damit nähern wir uns dem Thema Städte. Gibt es bei Agora eigentlich eine Blaupause für das Modell Klimaneutrale Stadt?

Jede Stadt ist anders, deswegen ist es schwierig, eine Blaupause für alle Städte zu definieren. Grundsätzlich aber kann man sagen: Städte werden selbst Strom über Photovoltaik auf den Dächern der Stadt generieren und den Reststrombedarf vor allem aus Windrädern, die im Umland oder weiter weg stehen, decken müssen. Beim Thema Wärme wird es darum gehen, in Quartieren zu denken, das heißt immer gleich zu überlegen, wie der Wärmebedarf eines Stadtteils massiv reduziert werden kann und wie der Restwärmebedarf zum Beispiel mit Großwärmepumpen, auch in Kombination mit Solarthermie, CO2-frei gedeckt werden kann.

Haben Sie für die politische Gestaltung der Energiewende in Städten ähnlich klare Vorstellungen?

Eine zentrale Erfolgsbedingung ist, dass die Energiewende Chefsache sein muss. Die beteiligten Akteure in der Wirtschaft, im Handwerk, aber auch die jeweiligen Bürger machen nur dann mit, wenn klar ist, dass der jeweilige Oberbürgermeister oder Regierende Bürgermeister die Umstellung der Energieversorgung in seiner Stadt zum persönlichen Anliegen gemacht hat. Das kann man heute schon über die gesamte Republik sehen. In den Städten, in denen etwas funktioniert, gibt es Stabsstellen, die direkt beim Chef angesiedelt sind und diese Dinge vorantreiben. Wenn das Thema irgendwo versteckt in der Verwaltung angesiedelt wird, dann kommt die Energiewende in der Regel nicht groß voran.

Darüber hinaus sind Bündnisse von Politik, Verwaltung, Wirtschaft, den Sozial- und Umweltverbänden wichtig, um einen stetigen Prozess anzuschieben.

Die letzten beiden Antworten enthalten ja schon recht deutliche Hinweise. Können sie ihre Empfehlungen auch auf die Stadt Berlin hin spezifizieren?

Das Erste ist: auch in Berlin muss der Kohleausstieg kommen! Und zwar so bald wie möglich. Es gibt mehrere Kohlekraftwerke in Berlin, die nach wie vor laufen. Das ist nicht kompatibel mit einer klimaneutralen Stadt. Zum zweiten muss man die vielen Flächen, die für Solaranlagen vorhanden sind, auch endlich nutzen. In Berlin wird bislang nur sehr wenig Solarenergie erzeugt, dabei hat die Stadt Dächer ohne Ende. Und das Dritte ist, dass es beim Thema Gebäudesanierung einen ganz großen Sprung nach vorne braucht. Da ist die öffentliche Hand am Zug. Berlin braucht ein Stadtwerk neuen Typs, das vor allen Dingen die Sanierung der Gebäude in den Fokus nimmt. Mit diesen drei Ansätzen könnte Berlin die Energiewendehauptstadt Deutschlands werden.

Sie haben gerade die Relevanz der Gebäudesanierung betont. Was raten Sie eigentlich einem Wohnungsunternehmen, das lieber auf die „grüne Fernwärme“ hofft?

Ganz klar: Dämmen hat Priorität! Wir werden nie so viel grüne Fernwärme erzeugen können, wie nötig wäre um den derzeitigen Wärmebedarf zu decken. Wir müssen den Gesamtwärmebedarf wirklich drastisch – um 50 Prozent bis 80 Prozent – senken und können dann den Restwärmebedarf grün erzeugen. Die jetzigen Wärmemengen werden wir niemals mit Solarthermie, Geothermie oder Wärmepumpen herstellen können.

Ein kurzer Wechsel zum Thema Bürgerbeteiligung, das, denkt man an das Thema Trassenbau, nicht per se zu einem Mehr an Energiewende führt. Ganz generell: Wo liegen die zentralen Ansatzpunkte, um die Bevölkerung für die komplexe Energiewende und den Klimaschutz zu begeistern?

Die Energiewende ist sowohl ein emotionales als auch ein kompliziertes Thema. Emotional, weil es letztlich darum geht, unsere Energieversorgung so zu gestalten, dass sie für unsere Kinder und Enkel zukunftsfähig ist. Und natürlich muss man sich dann mit Technik beschäftigen und das macht es in gewisser Weise schwierig. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die Energiewende nach wie vor begeistern kann. Gerade weil sie mit Photovoltaik sowie dezentralen Stromspeichern, und perspektivisch dann Elektromobilität, Eingang in den persönlichen Alltag findet.

Da Sie die Dezentralisierung der Stromversorgung ansprechen: Sehen Sie hierin künftig eine wichtige Systemkomponente, oder ist das eine Spielwiese für besserverdienende LOHAS, die ihr Gewissen beruhigen wollen?

Ich halte das für einen belastbaren und festen Bestandteil der Energiewende. Die Kostensenkungen bei der Photovoltaik und jetzt auch bei Stromspeichern werden dazu führen, dass in fünf Jahren zu einem Neubau ganz automatisch, so wie heute eine Heizungsanlage, auch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach und ein Stromspeicher im Keller gehören. Danach ist die spannende Frage, wie aus dann Millionen von Einzelsystem ein gesamtfunktionierendes System wird. Das ist dann der eigentliche Job: Wie kriegt man es hin, dass unsere Stromversorgung rund um die Uhr mit Millionen von Akteuren funktioniert? Wir sehen ja alle die technischen Revolutionen im Bereich Photovoltaik, im Bereich Speicher, im Bereich IKT. Aber wie passt das zusammen? Wie müssen Netzentgelte und anderen Abgaben strukturiert werden? Da haben wir noch keine abschließenden Antworten. Alle wollen mit leuchtenden Augen ihre eigene dezentrale Welt aufbauen, ohne dass das Gesamtsystem beschrieben werden kann. Das ist meines Erachtens die große Baustelle.

Die Frage der Dezentralisierung auf die Akteursebene gezogen: Wir haben hier ja viel Bewegung im Markt, die „Großen Vier“ sehen sich unter Druck, Rekommunalisierung ist en vogue, neue kleine innovative Energieanbieter drängen in der Markt… Ihre Prognose für die Entwicklung der Akteursstrukturen in den nächsten zehn Jahren?

Es wird auch weiterhin zentrale Akteure geben, die werden dann die Ausschreibungen für Wind- und Solaranlagen gewinnen. Wir werden aber wie beschrieben viele kleine Versorgungslösungen haben und deswegen auch viele Akteure bekommen. Und auf den dezentralen Märkten werden diejenigen im Vorteil sein, die nah am Kunden sind, ein Vertrauensverhältnis aufbauen und so ihre Lösungen an den Mann bringen.

Jürgen Pöschk: Herr Dr. Graichen, vielen Dank für dieses Interview!