Berliner ImpulsE

Interview mit Dr. habil. Fritz Reusswig
und Prof. Dr. Carlo Becker, Juni 2015

Die öffentliche Klimadiskussion wird weitgehend von Fragen des Klimaschutzes, also der Vermeidung von Klimabelastungen, bestimmt. Gleichwohl ist es aber wichtig, sich auf die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels einzustellen. Klimafolgenanpassung muss im Gegensatz zum Klimaschutz primär auf regio­naler oder lokaler Ebene erfolgen. Mit welchen Klimafolgen sich Berlin als wachsende Metropole zwangsläufig auseinandersetzen muss und welche Gegenstrategien entwickelt werden, ist Thema des ImpulsE-Gesprächs mit Dr. habil. Fritz Reusswig und Prof. Dr. Carlo Becker.

Interview: Jürgen Pöschk


Jürgen Pöschk: Herr Reusswig, welche Erkenntnisse liegen zur Entwicklung des Berliner Klimas in den nächsten Jahrzehnten im PIK vor?

Fritz Reusswig:
Das PIK hat im Rahmen der Erarbeitung eines Teilkonzeptes „Anpassung an die Folgen des Klimawandels für Berlin“ (AFOK), das wir im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt in einem Verbundvorhaben derzeit durchführen, die zwölf Klimamodelle herangezogen, die auch vom IPCC bei der Erstellung seines 5. Sachstandsberichts verwendet wurden. Sie wurden für die Region Berlin herunterskaliert und mit einem Hochemissionsszenario, dem RCP 8.5, bis zum Jahr 2100 betrieben. Es gibt dadurch für Berlin nicht eine einzige Projektion, sondern zwölf. Dadurch erhält man Bandbreiten möglicher Zukunftsentwicklungen der wichtigsten Klimaparameter, und man kann Häufigkeitsdichten sehen – also erkennen, wo sich die Modelle eher einig sind oder wo sie stärker voneinander abweichen.

Pöschk: Gut, aber was erwartet uns denn nun konkret?


Reusswig: Dass es auch in Berlin wärmer wird, dürfte niemanden überraschen. Allerdings sind die Extremwerte bedenklich. Nehmen wir die „heißen Tage“ zum Beispiel, also Tage mit einer Tageshöchsttemperatur von über 30°C. Derzeit gibt es rund zehn davon pro Jahr in Berlin. 2050 rechnen die Modelle mit 16 bis 20 solcher Tage, 2100 dürfte es 26-36 davon geben. Interessanterweise sehen wir keinen eindeutigen Trend zu einer Verringerung des Jahresniederschlags in Berlin, allerdings ändert sich die saisonale Verteilung. Im Winter etwa wird es etwas mehr Niederschlag geben. Ein wichtiger Befund: Starkregenereignisse werden bis 2050 um ca. 25 Prozent, bis 2100 um etwa 50 Prozent zunehmen. Die Winter werden im Schnitt milder, es gibt weniger Schnee. Da wir das Klima als eher deterministische Größe besser berechnen können als das Wetter, das einen hohen Anteil stochastischer Elemente aufweist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass wir auch in Zukunft immer wieder einmal auch sehr kalte Winter bekommen. Aber sie werden seltener. Die Sturmhäufigkeit wird der Mehrheit der Modelle zufolge nicht zunehmen, hier sind aber die Unsicherheiten auch etwas höher. Das vielleicht in aller Kürze.

Pöschk: Nun werden Klimaprognosen ja immer wieder infrage gestellt, wie sicher ist die von Ihnen beschriebene Tendenz?

Reusswig:
Da wir Modellensemble-Rechnungen präsentieren und Spannbreiten angeben, kann sich jeder ein eigenes Bild machen. Keines der Modelle sagt, dass das Klima mittelfristig in Berlin so bleibt, wie es heute ist. Der Klimawandel schreitet voran, und ein Anpassungskonzept ist von daher notwendig.

Pöschk: Herr Prof. Becker, das klang ja eben noch recht abstrakt, was kann das konkret für die Zukunft des Lebens in Berlin bedeuten?


Carlo Becker: Wir werden mehr schwitzen, mehr Wasser trinken und an bestimmten Tagen im Jahr die schattigen Orte lieben lernen. Der Nutzungsdruck auf diese städtischen Grün- und Freiflächen wird zunehmen. Dabei müssen wir mehrere Aspekte zusammenführen: Die wachsende Stadt führt zur Verdichtung und damit nicht nur zu einer erhöhten Gefahr der Aufheizung, sondern auch zu einer intensiveren Nutzung des städtischen Grüns. Das ist aber wiederum in Dürrezeiten geschwächt. Wir werden uns zukünftig mehr um das städtische Grün mit seinen Wohlfahrtswirkungen in der „Urban Heat-Stadt“ kümmern müssen.
Aber auch die Straßen werden vermehrt in den Fokus rücken. Mir den dunklen Asphaltbelägen gibt es zukünftig Hitzebänder in der Stadt. Wir werden die schattenspendenden Straßenbäume zukünftig mehr Wert schätzen.
Doch nicht nur die Hitze macht uns zu schaffen. Starkregenereignisse führen zum Überlauf der Mischkanalisation, das Schmutzwasser gelangt in die Vorflutgewässer. Diese sind aufgrund der Wärme bereits vorbelastet und werden nun zusätzlich beeinträchtigt. Fischsterben tritt ein.
Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen werden derzeit durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin drei ineinander greifende Konzepte der Klimaanpassung erarbeitet. Die Stadtklimakarte stellt die klimatische Bestandssituation dar und entwickelt Planungshinweise zur Klimaanpassung. Der Stadtentwicklungsplan Klima von 2011 wird derzeit fortgeschrieben, an diesem Vorhaben arbeiten wir gerade. Wir werden dabei für die wachsende Stadt konkrete Maßnahmen für eine hitzeangepasste und wassersensible Stadtentwicklung aufzeigen. Das Klimaschutzteilkonzept „Anpassung an die Folgen des Klimawandels“ (AFOK) wird handlungsfeldübergreifend Maßnahmen zur Klimaanpassung entwickeln.

Pöschk: Welche Anforderungen stellen sich denn nun konkret unter dem Schlagwort „Klimafolgenanpassung in einer wachsenden Stadt“?

Becker: Die wachsende Stadt stellt Berlin bereits vor erhebliche soziale und ökonomische Anforderungen. Die wachsende Stadt im Klimawandel wird diese Anforderungen noch erheblich verschärfen. Stadtentwicklung muss vorbeugen und dafür sorgen, dass es keine klimatische Segregation gibt.
In Zukunft muss Stadtwachstum von negativen Wirkungen auf die Umwelt beziehungsweise das Klima entkoppelt werden. Hitzevorsorge, Überflutungsvorsorge, Klimakomfort müssen bei zukünftigen Stadtentwicklungsprojekten mitgedacht werden. Im Planungsprozess muss ein Klimacheck instrumentell-rechtlich verankert werden. Wir müssen uns erheblich strecken, damit die Entkoppelung der Stadtwachstums von negativen Wirkungen auf Umwelt und Klima gelingt.
Aber: Klimaanpassung wird zukünftig nicht allein über technische Lösungen zu beantworten sein. Mehr Staukanäle oder mehr Klimaanlagen sind Antworten von gestern. Zukünftig wird die Oberfläche der Stadt wichtige Funktionen übernehmen. Damit muss Klimaanapassung im Huckepack mit anderen Nutzungen umgesetzt werden. Dies meint beispielsweise Gebäude ohne Regenwasserabfluss und mit Verdunstung, Straßen als Oberflächenstausys­teme und Notwasserwege bei Starkregenereignissen, Parks als temporäre Stauflächen und so weiter.
Damit wird Klimaschutz in andere Nutzungen integriert, Flächen werden mehrfach genutzt. Die Zusammenführung von sektoralen Ansprüchen und Interessenlagen (Codes) bezeichne ich als notwendige Strategie der Multicodierung: mehrere Nutzungsanforderungen werden flächensparend auf einer Fläche zusammengeführt.

Pöschk: Multicodierung: ist ein tolles Wort… und eine tolle Anforderung an dessen verwaltungstechnische Bewältigung?

Becker: Die Mehrfachnutzung der Oberfläche gelingt nicht mit sektoralen Konzepten. Es bedarf einer aktiven Zusammenarbeit, damit Straßen, Stellplätze, Dächer, Fassaden und die Infrastruktur mehrfachcodiert und damit klimaangepasst werden. Die Multicodierung erfordert das Aufbrechen von sektoralen Zuständigkeiten und damit eine ressortübergreifende Zusammenarbeit. Klimaanpassung ist eben eine Gemeinschaftaufgabe.

Pöschk: Wie kann das Thema Klimafolgenanpassung eigentlich bei den in Berlin beabsichtig­ten Neubauvolumina Berücksichtigung finden?


Becker:
Zunächst ist Klimaanpassung im Neubau deutlich einfacher als im Bestand. So wie wir das Nullenergiehaus bauen, können wir Neubau auch von negativen Wirkungen auf das Klima entkoppeln. Das Regenwasser wird zurückgehalten und in Hitzeperioden zur Kühlung verdunstet. Bei Starkregenereignissen sind die Dächer Retentionsflächen. Abflusslose Siedlungsgebiete sind kein Zauberwerk. Ich nenne es „Das Schwammstadtprinzip“.
Und noch ein Aspekt: Nachverdichtung muss Mehrwerte wie Baukultur und qualifizierte Freiräume aufzeigen und zumindest von negativen Umwelt- und Klimawirkungen entkoppelt sein. Mindestens 20 Prozent der Neubauprojekte sollten aus unserer Sicht positive Vorbildfunktion haben.

Reusswig:
Im Neubaubereich gilt in puncto Energieeffizienz die EnEV. Eine vergleichbare „Anpassungsverordnung“ fehlt uns, obwohl die Risiken und auch die möglichen baulichen Vorkehrungen im Grundsatz bekannt sind. Hier könnten Senat und Bezirke auf der Grundlage unseres Teilkonzeptentwurfs Bauherren und Architekten im Vorfeld informieren und über informelle Regeln dafür sorgen, dass bestimmte Fehler gar nicht erst gemacht werden.

Pöschk: Herr Reusswig, Sie haben sich zu diesen Themen bereits im Rahmen der „Machbarkeitsstudie Klimaneutrales Berlin 2050“ Gedanken gemacht und tun dies ja auch jetzt im Rahmen der Erstellung des Berliner Energie- und Klimaschutzprogramms. Was sind Ihre drei Schlüsselthesen zur Machbarkeit von Klimafolgenanpassung in Berlin?

Reusswig: Drei Thesen zur Anpassung – das ist viel verlangt, weil es so wenig ist! Lassen Sie es mich mal so versuchen: (1) Berlin ist anfällig für den Klimawandel, aber vielen Menschen ist das nicht richtig bewusst. In anderen Städten wie Köln oder Dresden haben Hochwasserkatastrophen das Bewusstsein der Bevölkerung und der Entscheidungsträger geschärft, bei uns bleibt das alles noch etwas im Theoretischen. Der Senat hat seit dem StEP Klima 2011 und mit den jetzt laufenden Aktivitäten vorgelegt, aber es muss noch in die anderen Verwaltungen und in die Breite der Berliner Stadtgesellschaft vordringen.
(2) Klimaanpassung dient dem Erhalt von Funktionsfähigkeit und Lebensqualität der Stadt. Er ist nicht zum Nulltarif zu haben, aber es gibt klare Vorteile – für die Einzelnen, aber auch für die Gemeinschaft. Wenn wir das transparent machen, mobilisieren wir auch Wirtschaft und Privathaushalte. (3) In einer Stadt, die sich dem Klimaneutralitätsziel verschrieben hat, sind die Synergien zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung natürlich besonders wichtig. Stichwort Kühlbedarf: der wird mittelfristig zunehmen, zuerst im öffentlichen und Gewerbebereich, dann auch im Wohnbereich. Die zusätzliche Kühlung darf nicht fossil erfolgen, sonst „verspielen“ wir mit der sommerlichen Kühlung den verringerten Heizbedarf im Winter – übrigens in Sachen CO2 genauso wie in finanzieller Hinsicht.

Pöschk: Welche Chancen ergeben sich eigentlich aus dem Thema Klimafolgenanpassung für die Stadt?

Reusswig: Auch das betrachten wir im AFOK, und hier ist speziell an die Bereiche Freizeit, Tourismus und Gastronomie zu denken. Berlin wird klimatisch zumindest im Sommer etwas mediterraner werden, und wenn sich die betreffenden Branchen darauf gut einstellen, werden sie vom Klimawandel auch profitieren können. Darüber dürfen wir die Risiken aber nicht vergessen, die insbesondere für spezielle Zielgruppen auftreten werden, etwa Ältere oder chronisch Kranke. Der demographische Wandel wird diese Risiken verstärken.

Becker:
Klimaanpassung ist ein Thema von Lebensqualität in der Stadt. Aus Gründen des Klimaschutzes ist eine kompakte dichte Stadt der kurzen Wege unabdingbar. Wenn wir eine hitzeangepasste und wassersensible Stadtentwicklung fördern, dann macht es auch Spaß, in dieser zu wohnen und zu arbeiten.

Pöschk: Akzeptanz und Klimafolgenanpassung – klappt das besser als beim von seinen Ursache-Wirkungsbeziehungen eher diffusen Klimaschutz?

Reusswig: Wenn die Leute „Klimapolitik“ hören, denken sie eher an Klimaschutz als an Klimaanpassung. Dabei sind die Vorteile der Anpassung in der Tat direkter und individueller als beim Klimaschutz, der ja auch international funktionieren muss, damit mein kleiner Reduktionsbeitrag zu einem Stopp der globalen Erwärmung beiträgt. Klimaschutz und Klimaanpassung ergänzen sich. Anpassung braucht Klimaschutz: Je schlimmer der Klimawandel, desto teurer die Anpassung. Also: Je erfolgreicher Klimaschutz, desto leichter können wir uns anpassen. Aber auch umgekehrt: Je erfolgreicher Anpassung, desto mehr Legitimität hat der Klimaschutz. Denn die meisten Leute dürften zum Klimaschutz motiviert werden, weil sie die Schäden des Klimawandels vermeiden wollen. Da es aber auch bei sofortigem Emissionsstopp heute, wonach es bekanntlich nicht aussieht, aufgrund der Trägheit des globalen Klimasystems zu weiterem Klimawandel und damit Schäden kommt, werden die Leute sagen: „Unser Beitrag zum Klimaschutz nützt doch gar nichts – die Schäden nehmen ja immer mehr zu! Wir wollen unser Geld zurück!“ Anpassung entkoppelt den unvermeidlichen Klimawandel von den demotivierend wirkenden Schäden – und hilft damit auch dem Klimaschutz.

Becker: Klimaanpassung ist notwendig, damit wir Schäden abwenden, das hat etwas mit Lebensqualität zu tun. Konkrete Maßnahmen haben in der Regel auch eine konkrete positive Wirkung auf mein Lebensumfeld. Das lässt sich natürlich viel einfacher vermitteln als ein ab­straktes Grad-Ziel, das weltweit einzuhalten ist.
Ich bin der Auffassung, dass wir drei Dinge brauchen: Erst einmal eine verstärkte Sensibilisierung für das Thema, zweitens Konzepte, wie wir Klimaanpassung mit Maßnahmen konkret setzen können sowie drittens die Bereitschaft der ressortübergreifenden Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft.
Die Stadt im Klimawandel muss also mehrdimensionaler werden. Das wird allerdings nur funktionieren, wenn wir dies als eine Gemeinschaftsaufgabe anerkennen. Luft nach oben ist da noch reichlich!

Pöschk: Herr Reusswig, Herr Becker, vielen Dank für unser Gespräch!