Berliner ImpulsE

Robert Volkhausen

Die industrielle Standardisierung der energetischen Sanierung: Erfolgsmodell Niederlande?

Die Niederlande üben gerade den Bruch mit konventionellen Ansätzen in der energetischen Sanierung. Sie haben in einem beeindruckenden Beteiligungsverfahren eine Strategie entwickelt, die innerhalb kürzester Zeit hunderttausende von Gebäuden in Nullenergiehäuser umwandeln soll. Saniert wird im industriellen Maßstab bei gleichzeitig garantierter Kostenneutralität für die Gebäude-Eigentümer.

Hochgesteckte Ziele: die Idee

Die Niederlande haben 2010 entschieden, die klassischen Subventionsprogramme zur Steigerung der Energieeffizienz zu stoppen und einen alternativen Ansatz der energetischen Sanierung zu testen, der mit dem bisherigen Narrativ individueller Gebäudesanierungen bricht. Zuvorderst stand die Erkenntnis, dass ihre konventionellen Versuche der Marktstimulation keiner einheitlichen Systematik mehr folgten und kaum Ergebnisse erzielten.

Stattdessen wurde ein insbesondere aus Wissenschaftlern bestehendes „Marktentwicklungsteam“ eingerichtet – mit einem Budget von 50 Millionen Euro. Dieses sollte möglichst unabhängig von bisherigen Stakeholdern innerhalb von fünf Jahren aufzeigen, wie energetische Sanierungen zu einem Massen­produkt werden können. Heraus kam die Initiative „Energiesprong“ (Energiesprung) mit der Strategie, den Markt über große Zahlen zu stimulieren: möglichst viele Gebäude (Anreiz für die Baubranche) mit möglichst niedrigem Energieverbrauch (Anreiz für die Eigentümer).

Ein „neuer“ Markt: das Konzept

Anfangs bestand die Arbeit von Energiesprong vor allem darin, einen potentiellen Markt zu schaffen – dies gelang so überzeugend, dass in kürzester Zeit ein „Großauftrag“ von beeindruckenden 110.000 Gebäuden im Nullenergiestandard fixiert werden konnte. Zentrale Argumente sprachen für sich: die Sanierungen würden, vorgestreckt durch Kreditgeber, alleine über die Energiekosten-Einsparungen finanziert werden können! Hierauf würden die ausführenden Unternehmen eine 40-jährige Garantie geben. Kleines Detail: staatliche Subventionen waren gar nicht (mehr) vorgesehen. Außerdem sollten die energetischen Sanierungen auch genutzt werden, um die Gebäude zu modernisieren, also Wohlbefinden und Lebensqualität sowie sogar die bauliche Ästhetik zu erhöhen – alles en passant und ohne zusätzliche Aufwände oder gar Kosten.

Symbiotische Konkurrenz: der Wettbewerb

Nachdem die Nachfrage und damit der Markt geschaffen worden waren, musste „nur noch“ das Produkt entwickelt werden. Energiesprong konnte die federführenden Unternehmen der Baubranche überzeugen, in Angesicht der schieren Größe des Auftragsvolumens Konkurrenzdenken zurückzustellen und in einem innovativen Verfahren ihr gemeinsames Know-How frei zu machen. In einem Wettbewerb wurden die besten technischen Lösungen gesucht, ausgewählt, öffentlich präsentiert und an die Gemeinschaft aller Unternehmen zurückgegeben mit der Aufforderung, in einer weiteren Wettbewerbsrunde die guten Ideen aller in neuen eigenen Entwürfen zusammen zu bringen. Dieser Auswahlprozess wurde mehrfach wiederholt, bis ein gemeinsames Arbeitsergebnis feststand, das alle Anforderungen des Großauftrags zu erfüllen versprach.

Das Produkt

Kern aller Sanierungen ist eine neue Gebäudehülle, die industriell nach den spezifischen Außenmaßen des Gebäudes (3D-Vermessung) sowie des individuellen ästhetischen Geschmacks der Eigentümer (Katalog von Fassadentypen, Materialien, Dekorelementen etc.) vorgefertigt wird – komplett inklusive Wärmedämmung, Verblendung, Verkabelungen und Belüftung. Vor Ort erfolgt der Anschluss der Wandelemente per Kran und Stecksystem, hinzu kommen eine PV-Anlage inklusive entsprechender Technik sowie die Modernisierung von Bad und Küche. So entstehen Lösungen „von der Stange“, die dennoch sehr individuell gestaltbar sind.

Durch die effizienten Abläufe reduziert sich der Sanierungsprozess von mehreren Monaten auf wenige Tage. Die Sanierungskosten eines Gebäudes sinken hierdurch – sowie aufgrund der Skaleneffekte in Einkauf und Produktion – von durchschnittlich 120.000 Euro bei einer konventionellen Sanierung auf 65.000 Euro. Auf lange Sicht wird erwartet, diesen Wert noch einmal um circa 30 Prozent zu senken. Es sei noch einmal erinnert: diese Kosten trägt der Eigentümer nicht direkt, sondern zahlt sie über einen Kreditgeber durch seine – formal garantierten – Einsparungen im Energieverbrauch ab; und je niedriger die Baukosten skaliert werden können, um so eher „verdient“ er nach der Amortisationsphase sogar an den Einsparungen.

Perspektive

Die ersten Häuser des Energiesprong-Programms wurden im sozialen Wohnungsbau saniert, nach den hier schnell sichtbaren Erfolgen wurden die Sanierungen mittlerweile aber auch auf die privaten Gebäude ausgedehnt. Und die Frage nach der weiteren Skalierbarkeit wurde jüngst dann auch durch Europäische Fördermittel in Höhe von über 5 Millionen Euro aus dem Interreg NWE programme beantwortet, um die Potentiale der industriellen energetischen Sanierung auch in Großbritannien und Frankreich zu heben. Grundsätzlich stehen die bisherigen Erfahrungen und Konzepte aber allen Ländern offen zur Verfügung. Hier würde es eventuell sogar schon reichen, formale Hürden abzubauen, da die wirtschaftlichen Wirkmechanismen von Energiesprong auch Initiativen aus Wirtschaft und/oder Zivilgesellschaft nutzen könnten, ohne auf eine öffentliche Initiierung oder Steuerung warten zu müssen.

In den Niederlanden zielt Energiesprong nach dem erfolgten Start der Umsetzungen nun auf eine Verbreiterung des Programms. Es wird aktuell überlegt, wie das Produkt der industriellen Sanierung für Eigentümer noch einfacher zur Verfügung gestellt werden kann, da das Thema einer energetischen Sanierung trotz all der – längst bekannten – Argumente nach wie vor nicht allzu attraktiv ist. Hier wird vor allem auf die Vertriebswege geschaut – die Vision ist ein an IKEA angelehntes Einkaufserlebnis, bei dem sich jede Familie an einem entspannten Nachmittag die Erscheinung ihres neuen Nullenergiehauses beim Rundgang durch ein Ladengeschäft individuell zusammenstellen kann. Bloß gezahlt wird am Ende nichts, das übernimmt dann die Energierechnung.

Robert Volkhausen
EUMB Pöschk

www.energiesprong.nl

www.energiesprong.eu